Federbriefe

Federbrief, Schweden, 1774

© Ber­ry­hill and Stur­geon, Ltd., berryhillsturgeon.com

Zu den sehr, sehr vie­len Din­gen, die über die mo­derne, digi­tale Kommu­nikation in Ver­gessen­heit gera­ten sind, gehö­ren die zauber­haften Feder­briefe aus dem Schwe­den des 18. Jahr­hunderts, genannt Fjäder­brev.

Sollte seiner­zeit ein drin­gen­der Brief bevor­zugte Beför­derung er­fahren, so wurde er nicht nur banal mit Wachs ver­siegelt. In das Siegel­wachs schmolz der Ab­sender zu­sätz­lich ein oder meh­rere Federn mit ein, um die Dring­lich­­keit zu verdeut­lichen. Der Bote wusste also, wann es ange­raten war, sein Pferd nicht zu schonen.

Viel­leicht könnte sich ja mit der Ein­füh­rung eines FTPs (“Feder-Transport-Protokoll”) die aktu­elle De­batte um Netz­neutra­lität mehr in Rich­tung Netz-Ästhetik statt Gewinn­opti­mierung und Kom­merz ori­en­tie­ren? ;-)

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Kontemplation I

Zwei Brötchen

Wiki­me­dia: User:Garitzko (PD)

Neu­lich war ich Bröt­chen kau­fen. Laa­ange Schlange, un­freund­liche Fach­verkäu­ferin, über­teuerte Schwamm­semmeln… ent­sprechend pis­sig trat ich wie­der auf die Straße. Na toll: ‘ne Poli­tesse schrieb gerade ein Knöllchen.

Ich hin zu ihr, etwas unbe­herrscht: “Hören Sie, ich war nur eben beim Bäcker!”.

Sie, etwas schnip­pisch: “Sie ste­hen hier im ab­soluten Halte­verbot. Ihr Pech!”

Ich, jetzt ent­fes­selt: “Boah, olle Zippe! Meinste nicht, dass Du wo­anders noch lukra­tiver an­schaf­fen gehen könn­test als beim Ordnungsamt?”

Sie schnapp­atmete noch was von “Frech­heit” und “Anzeige, die sich ge­waschen hat”. Dann zog sie wut­schnau­bend ab. Ich schaute ihr hinterher.

War mir egal. Ich habe gar kein Auto…

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Vorsätzlich

Feuerwerk

Wiki­me­dia: User:Man-ucommons (PD)

Zack, da ist das Jahr schon wie­der vor­bei. Ein Jahr, das zwei­fels­frei zu den üble­ren mei­nes Lebens gehört. Oder wie es Frank-Markus Bar­wasser die­ser Tage so tref­fend als Erwin Pel­zig in Neues aus der Anstalt aus­drückte: “Ein Jahres­rück­blick ist wie ein Besuch in der Klär­anlage!”. Stimmt diesjährig!

Also spare ich mir das be­sinn­liche Herum­stochern im Scheiß­haufen 2010 und kon­zen­triere mich auf das, was kom­men sollte.

Die Bauch­nabel­bürste ist in letz­ter Zeit doch arg zum Motz­blog ver­kommen. Ich möchte hier zu­künf­tig wie­der etwas kon­struk­tiver und krea­tiver wer­den. Mehr Viel­falt, mehr Fan­tasie, kurz: wie­der mehr Unterhaltung.

Und viel­leicht auch mal Neues ausprobieren…

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Wreck Pr0n: Lori Nix — The City

Lori Nix, "Beauty Shop"

© Lori Nix, www.lorinix.net

Lori Nix gestal­tet Dio­ra­men einer zerstör­ten Welt; ver­wüstete, zer­fallene und leicht mor­bide Still­leben auf etwa 50x60 cm². Nach zwei bis fünf­zehn Mona­ten akri­bischer Bastel­arbeit foto­grafiert sie ihre Werke mit einer Groß­format­kamera bei stim­mungs­dien­licher Ausleuchtung.

Es ist, als ob eine Kata­stro­phe alles Leben mit einem Schlag von der Erd­ober­fläche gefegt hätte. Diese Bil­der könn­ten ebenso gut End­zeit­filmen wie Quiet Earth, The Omega Man oder 28 Days Later… ent­stammen. Lori lässt dabei ganz bewusst offen, was es war, das die Men­schen so ein­drucks­voll hat ver­schwin­den lassen.

Es erin­nert ein wenig an den eher unter­kühlt-wissen­schaft­lichen Ansatz von Alan Weis­man: The World Wit­hout Us.

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Bewerbung als Internetminister

Buntes Ministerium für Internet

eige­nes Werk (CC-BY-NC-SA 3.0)

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute habe ich den Online­medien ent­neh­men kön­nen, dass der neue Pos­ten eines Internet­ministers zu beset­zen ist. Die­ser soll sich zu­künf­tig vor­rangig um den Daten­schutz und die Per­sön­lich­keits­rechte der Bür­ger im Inter­net kümmern.

Zwar bin ich bezüg­lich tech­nischer Grund­lagen und netz­­politischer Fra­gen kein Fach­mann, doch man­gelnde Fach­kom­petenz stellt in Ihren Minis­terien ja bekannt­lich keine Ein­stel­lungs­hürde dar.

Ich bin lob­by­frei, nicht bestech­lich (unter­halb acht­stelliger Be­träge) und würde das Thema Medien­kompetenz deutsch­land­weit als Pflicht­fach an allen Schu­len ein­führen. Die genann­ten Pro­bleme wür­den sich damit mittel­fristig von alleine erledigen.

Über die Ein­la­dung zu einem Gespräch würde ich mich freuen.

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Brot und Spiele

Grundriss Circus Maximus, Samuel Platner, 1911

Wiki­me­dia: User:Joris (PD)

Irgend­ein Depp lässt sich öffent­lich mit sei­nen Schwing­stelzen vom Auto über­fahren. Die Nation steht Kopf, sei es aus Mit­gefühl oder weil die­ser Darwin-Award-Aspirant einem den hart ver­dien­ten Wohl­fühl­samstag­abend kaputt gemacht hat. Eben noch fun­zelt bei Bier und Chips der Frontal­lappen im Energie­spar­modus und plötz­lich — zack — Sendungs­abbruch, Adre­nalin­flutung, Schockzustand.

Omni­prä­sente Qua­li­täts­me­dien leis­ten Erste Hilfe, um quä­lende Un­gewiss­heiten zu beru­hi­gen: Er lebt, und Wet­ten, dass… wird fort­gesetzt. Puuuh!

Liebe Leute: Wenn er wet­tet, dass er’s kann, dann ist sein Risiko, dass er’s nicht schafft.

Ein ande­rer Mensch hatte an die­sem Wochen­ende weni­ger Glück. Aber des­sen Unfall war halt nicht live.

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Ich bin ein Blogger… holt mich hier raus!

Keuschheitsgürtel, Foltermuseum Freiburg

Wiki­me­dia: User:Flominator (CC-BY-SA 3.0)

Deut­sche Poli­ti­ker, ohne das Fit­zel­chen eines Hauchs einer Ahnung vom Inter­net, beschlie­ßen ein Gesetz, das das Netz wie Rund­funk, Zei­tung oder Kino behan­delt. Mit Alters­freigabe und, gera­dezu erschre­ckend grenz­dämlich, Sende­zeiten. Was für eine Farce!

Nicht, dass ich jugend­gefährdende Inhalte veröffent­lichen wollte. Aber ich habe etwas dage­gen, aus Angst vor einer Ab­mahnung nicht ficken schrei­ben zu kön­nen, wenn es lite­rarisch gerade ele­gan­ter klingt als bei­einander lie­gen.

Der JMStV in die­ser Form ist vermut­lich nur der Anfang. Was kommt als Nächs­tes? Wird der Bei­schlaf-Schlitz wie­der ein­geführt? Die Daumenklingel?

Die ver­mut­lich ein­zige Chance: Par­teien und Behör­den abmah­nen, wenn deren Sei­ten nicht JMStV-konform sind.

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Terror…!

Jingle Bomb

eige­nes Werk (CC-BY-NC-SA 3.0)

Che­mie­fach­leute konn­ten aus den Inhalts­stoffen handels­üblicher Hygiene– und Haus­halts­artikel Spreng­körper bas­teln, die mit weni­ger als 100ml ein Flug­zeug vom Him­mel hät­ten holen kön­nen. Sol­che Spezia­listen hat Al-Qaida offen­sicht­lich nicht.

Gab es in Deutsch­land Anschläge auf Züge, Strom­masten, Wasser­versor­gung (ein­mal ab­gesehen von Priva­tisierungen), Börsen­plätze, Kraft­werke oder ele­men­tar wich­tige Infra­struktu­ren? Seit Jahr­zehnten Fehlanzeige.

Statt­dessen holen die Isla­mis­ten zum gro­ßen Schlag aus: Weihnachts­märkte in die Luft spren­gen! Ja, damit träfe Al-Qaida den christ­lichen Nerv unse­res Kultur­kreises. Klingt plausibel…

Oder ste­hen ein­fach wie­der interne Budget­verhandlungen an, und das Innen­ministerium möchte sich vorab gut posi­tionieren? Der­zeit ter­ro­ri­sie­ren hier jeden­falls nur Poli­ti­ker und Medien das Volk.

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Risikolebensversicherungsbriefumschläge

Versicherungsbrief Apollo 11

© Heri­tage Auc­tions Gal­le­ries, www.ha.com

Du bist Astro­naut einer Apollo-Mission. Dein Job ist so interes­sant wie ge­fähr­lich, der fabel­hafte Hauch des furcht­losen Drauf­gän­gers umweht Dich, Du hast Fami­lie, Geld, An­sehen. Kurz: Du bist zu­mindest auf der Erde ganz oben angekommen.

Und jetzt sitzt Du zer­knirscht mit Dei­ner Frau dem fünf­ten Ver­sicherungs­agenten gegen­über, der gerade ein Laken von einem Taschen­tuch nass­lacht, weil Ihr Euch nach einer Risiko-Lebens­versicherung erkun­digt habt.

Kopf hoch, Ret­tung naht: Unter­zeichne ein­fach, mög­lichst noch kurz vor Be­steigen der Kap­sel, das Erst­tags­blatt Dei­ner Mis­sion. Bei einem Unfall explo­diert auch des­sen Wert, und Deine Hinter­bliebenen wären abgesichert.

Für die Shuttle-Missionen gab es das übri­gens nicht.

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Internet für Eltern

Sisyphos

Wiki­me­dia: Sisy­phos, 1732, User:AndreasPraefcke (PD)

Neu­lich bot ich zusam­men mit einem Freund einen kos­ten­lo­sen Vortrags­abend an zum Thema:

Inter­net für Eltern — Weißt Du, was Dein Kind im Inter­net macht?

Der Inhalte­bogen spannte sich von Chat­ten über Soziale Netz­werke bis hin zu Abzo­cke über Netz und Handy.

Wir hat­ten im Bekannten­kreis und dar­über hin­aus mit über 250 Fly­ern gewor­ben. Man sagte uns, dass sogar Eltern­abende umge­plant wur­den, damit interes­sierte Eltern sich unse­ren Vor­trag anhö­ren könn­ten. Mit einer ent­sprechend hohen Beteili­gung rech­ne­ten wir am Vortragsabend.

Es kamen vier Eltern.

Stelle ich mir vor, dass der Rest seine Welt­sicht über Tat­ort Inter­net ver­mit­telt bekommt, könnte ich kotzen!

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